Station 3

Gareth Owens: Decrypting the Phaistos Disk

Diskos von Phaistos Forschungsansätze

Zahlreiche Forscher haben sich an der Entzifferung des Diskos von Phaistos versucht (für einen knappen Überblick über eine Auswahl siehe Sornig 1997: 86f.). Erst 2014 verkündeten die Linguisten Gareth Owens und John Coleman von der Universität Oxford, wichtige Botschaften entschlüsselt zu haben, und zwar Namen von Göttinnen. Der Diskos huldige einer spätminoischen Schlangengöttin.

(Autor: Wolfgang Bruckner, 30.09.2015)

Ein Hauptproblem der Entschlüsselungsversuche ist die Einzigartigkeit des Diskos. Da keine vergleichbaren Symbole an anderer Stelle gefunden wurden, bleibt die Schrift isoliert, wodurch es auch keine sonstigen Hinweise auf die Schriftsprache gibt. Auch der mit 241 Zeichen sehr geringe Zeichenumfang stellt die Forschung vor Probleme, da somit in der Linguistik gängige statistische Verfahren nicht greifen. Schließlich lassen die Umstände seines Fundes keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Verwendung und/oder den Inhalt des Diskos zu (vgl. dazu Trauth 1990: 171).

(Computer-) linguistische Ansätze

Computerlinguistische Ansätze bedienen sich statistischer Verfahren, um einen Text zu analysieren. Bei einem derart kleinen ›Korpus‹ wie dem Diskos von Phaistos, mit lediglich 241 Zeichen, lassen sich jedoch keine verlässlichen statistischen Erkenntnisse gewinnen. Trotzdem ist festzustellen, dass die Häufigkeitsverteilung der Zeichen des Diskos heterogen ist und nicht wie in natürlichen Sprachen normalverteilt. 21 Zeichen kommen nur auf einer der beiden Diskos-Seiten vor, andere viel häufiger auf einer Seite als auf der anderen (vgl. Trauth 1990: 159 und die Tabelle auf Seite 160). Interpretiert man die senkrechten Einteilungsstriche auf dem Diskos als Wortgrenzen und die einzelnen Zeichen als Silben, zeigt sich eine weitere Abweichung zu natürlichen Sprachen: Die Länge der Wörter. In Sprachen unseres Kulturraums umfassen zwischen 85 und 95 Prozent der Wörter ein bis drei Silben, am häufigsten sind dabei einsilbrige Wörter mit einer Wahrscheinlichkeit von 35 bis 60 Prozent (Trauth 1990: 160). Die Durchschnittssilbenlänge pro Wort im Englischen beträgt beispielsweise 1,4 Silben, im Lateinischen 2,4. Beim Diskos ist die Durchschnittszahl der Zeichen pro Gruppe mit 3,95 viel höher. Einsilbige ›Wörter‹ kommen gar nicht vor, am häufigsten gibt es Gruppen mit vier Zeichen (vgl. Trauth 1990: 161). Prinzipiell stehen linguistische Ansätze in der Diskos-Forschung neben dem zu kleinen Zeichenkorpus vor zwei weiteren Problemen. Erstens kann nicht begründet werden, ob es sich bei den Zeichengruppen um mit Wörtern gleichzusetzende Einheiten handelt. Zweitens scheint es sinnlos, nach sprachlichen/morphologischen Hinweisen zu suchen, solange die Leserichtung nicht geklärt ist.

Epigraphische Ansätze

Ausschnitt von Seite A des Diskos' von Phaistos

Neben den Zeichen selbst und den sie trennenden senkrechten Strichen gibt es noch ein weiteres optisches Element auf dem Diskos: 17 kleine Striche, welche wohl nachträglich an die Fußlinie bereits gestempelter Zeichen geritzt wurden und als Dornen bezeichnet werden. Auch ihre Funktion und Bedeutung ist weiterhin unbekannt. Deutungsansätze beschreiben sie als diakritische Zeichen, d. h. Zusatzzeichen zur Erweiterung der Aussprache oder Bedeutung eines anderen Zeichens, Indikatoren für die Prosodie oder Morphologie, Zeichen für Vokalausfall, Abschnittsgrenzen, metrische Zeichen bzw. Zäsuren im Sinne von Versgrenzen oder eigenständige Symbole (vgl. Trauth 1990: 169f.).

Die Schreib- und Leserichtung wurde in der bisherigen Forschung als ein essentieller Schlüssel für weitere linguistische Untersuchungen heftig diskutiert (vgl. dazu Trauth 1990: 165-168). Aufgrund der Art der Überlappungen der Zeichen scheint ersichtlich, welches Zeichen zuerst gestempelt wurde, nämlich meist das, welches teilweise überdeckt ist. Hieraus lässt sich die Schreibrichtung möglicherweise ableiten. Hans-Joachim Haecker (1986) zeigte jedoch mit einem Experiment, dass das zweite Zeichen bei überlappenden Stempeln im Ton abgeschnitten wird und dadurch als darunterliegend wahrgenommen wird. Demnach wäre die Schreibrichtung bim Diskos von innen nach außen. Die Leserichtung lässt sich aus dieser vermeintlichen Schreibrichtung jedoch nicht unbedingt erschließen, da die beiden nicht übereinstimmen müssen. Ein anderes Indiz für die Leserichtung ist, dass bei Piktogrammen die Figuren dem Lesenden im Allgemeinen entgegenblicken (vgl. Sornig 1997: 78), was ebenfalls für eine Leserichtung von außen nach innen spricht. Weitere Aspekte für das Erkennen der Leserichtung sind der Neigungswinkel der Zeichen und ihre ›Raumaufteilung‹ im vorgegebenen (Schrift-)Raum.

Archäologische Ansätze

Das Hauptaugenmerk der archäologischen Beiträge zur Entschlüsselung des Diskos von Phaistos liegt auf einer Kontextualisierung des Fundes. Durch Wissen zur Entstehung und Zweck des Diskos' soll auf seinen Inhalt geschlossen werden können. Dazu werden die anderen in unmittelbarer Nähe gefundenen Gegenstände auf Hinweise zum Diskos untersucht. Ein anderer Ansatz umfasst eine Analyse der Zeichen in Bezug auf die durch sie dargestellte Lebenswelt und Zeit. Schriftvergleiche der Diskos-Lettern mit ähnlichen bekannten Schriften sollen ebenfalls eine zeitliche und örtliche Einordnung ermöglichen (vgl. Sornig 1997: 82-86).

Haecker, Hans-Joachim, Neue Überlegungen zu Schriftrichtung und Textstruktur des Diskos von Phaistos, in: Kadmos, Nr. 25/1986, S. 89-96.

Sornig, Karl, Wohlgemuthe Bemerkungen zum Umgang mit einem nach wie vor unlesbaren Text, in: Grazer Linguistische Studien, Nr. 48/Herbst 1997, S. 69-104, online: http://static.uni-graz.at/fileadmin/gewi-institute/Sprachwissenschaft/G… [06.09.2015].

Trauth, Michael, The Phaistos Disc and the Devil's Advocate. On the Apories of an Ancient Topic of Research, in: Glottometrika 12, hrsg. v. Hammerl, Rolf, (Quantitative Linguistics, 45), Bochum 1990, S. 151-173.