Station 1

Einführung in die Kodikologie

(Autor: Daniel Schneider, 15.05.2016)

Die Auseinandersetzung mit alten Schriften gehört zum festen Bestandteil zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen. Die meisten widmen sich hierbei vorrangig dem Inhalt der Bücher. Dabei bergen viele alte Bände mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Um diese nutzbar zu machen, bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, der gemeinhin als ›Buch‹ bezeichnet wird. Hierzu muss jedoch erst einmal geklärt werden, wie so ein altes Buch aussieht und was von der Beschäftigung damit zu erwarten ist.

Was ist …

… Kodikologie?

Die Kodikologie bezeichnet die (historische) Handschriftenkunde. Hierbei ist der Begriff ›Handschrift‹ als gesamtes handwerklich und handschriftlich produziertes Werk zu verstehen. Sie nimmt sich der materiellen Gestalt des Buches an, während sich andere geisteswissenschaftliche Disziplinen (engl.: Humanities) vor allem der inhaltlichen Erschließung und Interpretation widmen. Die Kodikologie beschäftigt sich mit unterschiedlichen Fragekomplexen. Zum Beispiel:

  • Herstellung (Wie wurde das Buch angefertigt? Planvoll oder ungeordnet? Wie viele Schreiber und/oder Buchmaler waren beteiligt? Sind einzelne hiervon identifizierbar? Wie ist der Kodex gestaltet? War das Buch in der heutigen Form geplant oder wurde es erst später in dieser zusammengebunden?)

  • Herkunft und Geschichte [Provenienz] (Wo wurde das Buch hergestellt? Für wen wurde es geschrieben? Wer besaß es und wo wurde es aufbewahrt? Wann und wie wechselte es den Besitzer?)

  • Nachträgliche Änderungen (Welche Nachträge und Hervorhebungen haben die Nutzer getätigt? Wurden Seiten entfernt, geschwärzt oder unkenntlich gemacht? Wann und wieso geschah dies wohl? Wurde das Buch neu gebunden? Wurde bei dieser Gelegenheit die Reihenfolge der Inhalte geändert, Seiten hinzugefügt oder herausgenommen? Wurden nachträglich noch Texte eingefügt? Wurden Seiten nochmals beschrieben, wenn dort noch Platz vorhanden war?)

  • Fragmente (Was ist neben dem eigentlichen Text noch in dem Band enthalten? Wurde die Schrift von Seiten getilgt und die Seite neu beschrieben (Palimpsest)? Was stand darauf? Sind Reste älterer Schriften als Verstärkung der Bindung eingeklebt worden? Gibt es auf den Holzdeckeln Leimabklatsche von früher eingeklebten Fragmenten?)

Die Kodikologie arbeitet nicht isoliert, sondern nutzt andere wissenschaftliche Disziplinen und Methoden, um ihre eigenen Fragen klären zu können. Vor allem die Schriftenkunde (Paläographie) ist für das Verständnis alter Handschriften unabdingbar. Sie hilft unter anderem durch Kategorisierung von Schriftarten bei der zeitlichen Einordnung. Ähnlich nützlich ist die Inkunabelkunde, die sich mit den frühen Druckerzeugnissen befasst, auch wenn sie nur für einige Werke des 15. Jahrhunderts relevant ist. Manchmal kann sogar die Schreibwerkstatt (Skriptorium) oder der einzelne Schreiber ermittelt werden. Ebenso wird zur Einordnung der ins Papier eingepressten Produktionszeichen die Wasserzeichenkunde (Filigranologie) bemüht. Dies ermöglicht eine grobe Einordnung von Entstehungsraum und -zeit des Buches. Auch naturwissenschaftliche Methoden werden häufig herangezogen, beispielsweise um verblichene oder übermalte Schriften wieder sichtbar zu machen oder durch Analyse von Beschreibstoff, Tinte und Pigmenten Alter und Herkunft der Handschrift genauer einzugrenzen.

Ebenso greifen auch andere Geisteswissenschaften auf die Kodikologie zurück. Vor allem die Philologischen Fächer (Sprach- und Literaturwissenschaften) stützen sich immer wieder auf kodikologische Erkenntnisse. Bei der zeitlichen und räumlichen Einordnung eines Textes sind diese von großer Bedeutung. Existieren mehrere Fassungen des gleichen Textes, kann auch durchaus festgestellt werden, welches die älteste ist und welche als Vorlage diente, sodass ein ›Stammbaum der Versionen angelegt werden kann (Stemma). Manchmal finden sich hierdurch Hinweise auf Handschriften, die nicht mehr existieren, aber in Abschriften erhalten sind.

Doch auch unterschiedliche philosophische, theologische und historische Disziplinen nutzen die Kodikologie als Hilfswissenschaft. Sie gelangen durch die Untersuchung der Glossen zu Erkenntnissen, welche Kommentare altbewährt waren und welche wiederum neue Gedanken wieder spiegeln. Auch können Randnotizen über die Rezeption Auskunft geben, ebenso wie Schwärzungen und Verstümmlungen die Zensurpraxis näher beleuchten können.

Abgesehen von diesen Einblicken in das Geistesleben von Schreibern und Lesern bietet die graphische Ausgestaltung auch einen Schatz für die kunsthistorische Untersuchung. Nicht nur lassen sich bei der Buchmalerei, wie auch bei der Untersuchung der Schriften, einzelne Werkstätten und Schulen voneinander unterscheiden, sogar einzelne Künstler können identifiziert werden. Ebenso erlaubt die Betrachtung der Bilder im Zusammenspiel mit dem Text andere Deutungsmöglichkeiten im Gegensatz zu Werken, die für sich stehen. Oft zeigen sich auch in Details der Darstellungen scheinbare Kleinigkeiten, über die schriftliche Quellen nichts aussagen, da sie zu selbstverständlich für die Zeitgenossen waren, jedoch dem heutigen Betrachter einzigartige Erkenntnisse zur Sachkultur in der Entstehungszeit der Handschrift liefern.

 

… ein Kodex?

Das Wort ›Kodex‹ beschreibt eine Möglichkeit, ein Buch herzustellen. Diese sahen nämlich nicht schon immer so aus, wie wir es heute gewohnt sind. In der Spätantike und im frühen Mittelalter herrschten zwei verschiedene Formen vor:

Zum einen in Form des rotulus (Schriftrolle). Hierfür wurde eine lange Papyrus- oder Pergamentbahn hergestellt und beschrieben. Diese wurde meist an den Enden mit zwei Rundhölzern versehen und zur Lagerung aufgerollt.

Zum anderen konnte der Beschreibstoff auch lagenweise zwischen zwei hölzerne Deckel gebunden werden. Bei dieser Form, die in der Spätantike allmählich die Schriftrolle ablöste, spricht man vom Kodex. Dieses Wort beschrieb in der Antike eine mit Wachs überzogene Holztafel, die als alltägliches Beschreibmedium genutzt wurde. Ihre Form war der des modernen Buches recht ähnlich, da man in der Regel zwei von ihnen klappbar zusammenband, um die weiche Oberfläche und damit das Geschriebene zu schützen. Wegen des Materials, aus dem sie hauptsächlich bestand, nannte man sie im Altertum codex, was auf das Wort caudex (Holzklotz) zurückgeht.

 

… eine Sammelhandschrift?

Auch heute widmet sich nicht jedes Buch einem einzigen Thema. Im Mittelalter war dies sogar eher die Ausnahme als die Regel: Vor allem kürzere Texte rechtfertigten es oft nicht, einen eigenen Einband herzustellen, sodass sie zur besseren Aufbewahrung mit anderen Texten in Sammelhandschriften zusammengebunden wurden. Diese sind wegen ihres heterogenen Inhaltes auch als Miszellanhandschriften bekannt (miscella, lat.: Gemischtes). Diese Kodizes sind nicht nur hinsichtlich des Inhalts weniger einheitlich, sondern auch das Layout divergierte wesentlich stärker als bei denmit großem Planungs- und Herstellungsaufwand angefertigten Ganzschriften.

 

… ein Manuskript?

Das Wort Manuskript bedeutet, wortwörtlich übersetzt, nichts anderes als ›mit der Hand Geschriebenes‹. Im Falle mittelalterlicher Kodizes sind also fast alle Werke darin als Manuskripte bzw. Handschriften zu bezeichnen und damit Unikate. Um diese möglichst leserlich zu halten, wurde in Skriptorien großer Wert auf die präzise Ausführung gelegt. Im Gegensatz zu Urkunden oder für den persönlichen Gebrauch verfassten Notizen, die oft in kaum leserlichen Schreibschriften ausgefertigt wurden, bemühte man sich in der Buchproduktion (meistens) um eine gut lesbare Schrift. Seit dem 12. Jahrhundert waren vor allem die gebrochenen Schriften, wie die Textura, im Gebrauch.

Nur einige Werke des 15. Jahrhunderts verwendeten bereits die neue Technik des Buchdruckes. Da diese noch in den Kinderschuhen steckte, nennt man die frühen Drucke auch Wiegendrucke oder Inkunabeln (in cunabula, lat.: in der Wiege). Die neue Technik adaptierte die bestehenden Schriften der Skriptorien so ist eines der bekanntesten Werke, die Gutenberg-Bibel, in einer Variante der Textura gedruckt. Für das neue Handwerk entstand schnell eine große Vielfalt an Schriften, von denen zunächst die Schwabacher, später die Fraktur sich besonderer Beliebtheit erfreute. Vor allem im deutschen Sprachraum blieben die gebrochenen Schriften parallel zu Antiqua-Schriften weit verbreitet. Die Aufhebung dieser Zweischriftigkeit vollzog sich in einem langwierigen und komplexen Prozess, der erst Mitte des 20. Jahrhunderts endete.

Im Spätmittelalter trat neben diesen Schriften vermehrt die Antiqua auf, eine rundere Schrift, die sich auf alte römische Schriftarten zurück beziehen sollte und viele Elemente der alten karolingischen Schrift in sich aufnahm. Aus den Zentren des Humanismus verbreitete sich dieser Schrifttyp durch Gelehrte in ganz Europa. Die hieraus entstehenden unterschiedlichen Rundbogenschriften verdrängten die gebrochenen Schriften zuerst in Italien, und über die Jahrhunderte hinweg im Großteil Europas. Sie sind daher die verbreitetsten Schreib- und Druckschriften des lateinischen Alphabetes: Zu ihnen gehören unter anderem Times New Roman, Arial, Garamond und viele andere Schriften, die heute Standard geworden sind. Nur im deutschen Sprachraum wurden gebrochene Schriften noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts parallel zur Antiqua genutzt. Heute sind sie meist nur noch ein Mittel der künstlerischen Gestaltung oder Teil von Firmen- und Zeitungslogos. Auch in der Schule wurde seitdem nicht mehr die kantige Sütterlinschrift gelehrt, die ebenfalls zu den gebrochenen Schriften gehört, sondern an die Antiqua angelehnte Ausgangsschriften.

 

Die 1941 eingeführte Normalschrift, die die Sütterlinschrift ersetzen sollte:

 

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