Vorgeschichte der DH

Historische Dimension

(Autor: Matthias Schneider, 30.09.2015)

Bei der Frage nach dem Begriffsinhalt der Digital Humanities kommt erschwerend eine historische Dimension hinzu, wie auf der Website der Firma Pagina angedeutet wird:

»Hätte es den Begriff ›Digital Humanities‹ schon vor vierzig Jahren gegeben, hätten wir nicht so lange erklären müssen, was wir damals schon taten: Strukturierung und Erschließung von Texten für die Wissenschaft.« Pagina (2015)

Die Vorgeschichte dessen, was heute zumeist unter dem Sammelbegriff DH gefasst wird, geht zurück auf die späten 1940er Jahre. Bei der Aufgabe, einen Index aller Wörter im Werk des Kirchenlehrers Thomas von Aquin zu erstellen, griff Jesuiten-Pater Roberto Busa (1913-2011), der als einer der Gründungsväter der Digitalen Geisteswissenschaften gilt, auf die Unterstützung durch Computer und das institutionelle Wissen der Firma IBM zurück (Busa 2004). Als Ergebnis der Zusammenarbeit konnte 1980 der gedruckte, 56-bändige Index Thomisticus erscheinen. Zur Würdigung der Pionierleistungen wird von der Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) der Roberto Busa Prize vergeben, (Berg 2014: 14).

Eine frühe Wirkungsstätte der Verbindung von Geisteswissenschaft und Informationstechnologie in Deutschland war die Universität Tübingen, an der unter Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Ott mit dem Programmpaket TUSTEP (Tübinger System von Textverarbeitungs-Programmen) ab 1966 (1978 unter dem Namen TUSTEP zusammengefasst) ein bis heute weiterentwickeltes und verbreitetes Werkzeug zum wissenschaftlichen Umgang mit Texten bzw. Textdaten entwickelt wurde.

Die Seite »A (brief) History of Computerised Corpus Tools« ordnet das Programmpaket in eine historische Auflistung von Korpustools ein. In der Geschichtswissenschaft wurden insbesondere seit den 1970er Jahren Computer verwendet, um quantitative Untersuchungen, insbesondere in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, durchzuführen. Die nicht unumstrittene Verwendung dieser Verfahren zur Wissensgewinnung führte zu regen Diskussionen innerhalb des Fachs um den ›richtigen‹ Weg zur Erforschung historischer Gegenstände und Prozesse.

 

 

In der Zwischenzeit haben sich die Anwendungsbereiche digitaler Methoden und Arbeitsabläufe auf diverse Teilbereiche der Geisteswissenschaften ausgeweitet und institutionalisiert. In der Kunstgeschichte werden 3D-Modellierungen von längst zerstörten Bauwerken erstellt, die mediävistische Philologie rekonstruiert mittelalterliche Klosterbibliotheksbestände, Literaturwissenschaftler untersuchen unterschiedliche Arten der Vernetzung in Briefkorpora, Historiker nutzen die digitalen Möglichkeiten zur multimedialen Darstellung und Vermittlung historischer Prozesse und Phänomene. Neue Herausforderungen in methodischer, technischer, rechtlicher und ethischer Hinsicht stellen sich bei der Erforschung von sog. big data und data mining (s. zu rechtlichen Fragen Raum 2 - Station Urheberrecht).

Was nach wie vor bleibt, ist die Debatte um die Namensgebung der neuen Forschungsansätze inklusive der damit in Zusammenhang stehenden Inhalte (s. DHd-Gründungstagung 2014 in Passau).

Die wechselnde Verwendung von Digital Humanities, Digitalen Geisteswissenschaften, e-Humanities und einigen weiteren Begriffspaaren im wissenschaftspraktischen Alltag und in der medialen Verwendung macht es umso schwieriger, einen Begriff samt Inhalt festzulegen, der für die historische wie auch für die gegenwärtige und möglichst für die künftige Entwicklung der Arbeit an der Schnittstelle von Geisteswissenschaften und Informatik bzw. Informationswissenschaft passend erscheint.

Um in konkreten Projekten und Kontexten für sprachliche Klarheit zu sorgen, bietet sich die explizite Festlegung eines Begriffsverständnisses an.

Berg, Lilo, Rotkäppchen 2.0, in: Humboldtkosmos, Nr. 102/2014, S. 13-23.

Busa, Roberto A., Foreword: Perspectives on the Digital Humanities, in: A Companion to Digital Humanities, ed. Susan Schreibman, Ray Siemens, John Unsworth. Oxford 2004, online: http://www.digitalhumanities.org/companion/view?docId=blackwell/9781405103213/9781405103213.xml&chunk.id=ss1-1-2 [23.06.2015].

Pagina, Digital Humanities, http://www.pagina-online.de/digital-humanities/ [18.06.2015].