Die quantitative Kodikologie

Von der Geschichte der Bücher zur Geschichte des Buches - Ein Einblick in die Entwicklung der quantitativen Kodikologie

(Autorin: Pia Geißel, 15.05.2016)

Der Beginn der kodikologischen Forschungen ist bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in der Disziplin der Handschriftenkunde zu finden, die in der Bibliothekswissenschaft angesiedelt war. Doch erst seit Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts schien auch der konkrete Begriff ›Kodikologie in das wissenschaftliche Umfeld eingedrungen zu sein. Die Kodikologie beschäftigt sich mit der Materialität der Handschriften und ihrem Entstehungsprozess. Damit hebt sie sich von der Paläographie, also der Forschung über die Entwicklung der Schrift sowie der Philologie ab. Seit den 60er Jahren wurde die für die Kodikologie essentielle Manuskriptforschung zunehmend populärer, sodass auch 1971 erstmals ein Lehrstuhl für Kodikologie an der Universität Nimwegen unter der Leitung von Albert Gruijs eingerichtet wurde. Charakteristisch für das Forschungsfeld der Kodikologie ist die Entwicklung einer Typologie des Manuskripts in synchroner und diachroner Perspektive. Betrachtet die synchrone Perspektive einen Tatbestand zu einer bestimmten Zeit und einer bestimmten Erscheinungsform, zum Beispiel das Layout einer Manuskriptseite, verhält es sich mit der diachronen gegensätzlich: Dort wird ein Aspekt oder eine Erscheinung innerhalb großer Zeiträume untersucht (vgl. Muzerelle 1994: 35).

An dieser Stelle sah sich die Forschung einer neuen Herausforderung gegenüber. Nun mussten größere Mengen an Daten durch neue Methoden und neue Parameter in einem fassbaren Rahmen definiert werden: Dies war die Voraussetzung für die Etablierung der quantitativen Kodikologie. Zuerst noch unter dem Begriff experimentelle Kodikologie erwähnt, etablierte sich das Adjektiv quantitativ seit dem Erscheinen der Trois Essais von 1980. Darum formierte sich die Gruppe Quanticod mit Carla Bozzolo, Ezio Ornato, Denis Muzerelle und Dominique Coq.

Entgegen der Befürchtungen der Paläographen und Philologen ging es den quantitativen Kodikologen weniger um eine Banalisierung der bisherigen kodikologischen Forschungen, sondern um eine Erweiterung, die sich vor allem dem Feld der Mathematik und der darin angesiedelten Statistik annähern wollte (vgl. Bozzolo/ Ornato 1997: 7). Aber der mathematische Aspekt sollte nicht das Charakteristische des neuen Forschungsfeldes werden, sondern mittels dieser Methoden eine diachronische Beobachtung ermöglichen, welche die Evolution des Buches auf lange Sicht charakterisieren und dadurch auch Abweichungen dieser Entwicklungen durch interne oder externe Kontexte aufzeigen sollte. Dazu war es erforderlich, sich intensiver mit der mittelalterlichen Buchherstellung zu beschäftigen. Es ging also nicht nur darum, die Buchherstellung in einer Region, einer bestimmten Epoche und einem bestimmten Handwerkszentrum zu untersuchen, sondern den globalen Parameter zu entdecken, der diese Prozesse nicht universell und permanent machte. Ziel war es die globalen Faktoren zu benennen, die zu einer Differenzierung und Entwicklung dieser Buchherstellungsprozesse beitrugen. Dadurch versprach sich die quantitative Kodikologie den Entwicklungsvorgang des Buches zu verstehen und zu evaluieren (vgl. Muzerelle 1994: 37).

Einen möglichen globalen Parameter, der eine Unterscheidung und einen Abgleich unter verschiedenen Faktoren möglich machte, erwähnte 1973 erstmals Leon Gilissen in seinen Forschungen über Manuskripte des 11. Jahrhunderts, mit der Untersuchung über das Größenverhältnis (rapport modulaire) seiner untersuchten Manuskriptseiten. Durch die Festlegung von Höhen- und Breitenverhältnis der Seite und der Zeilenhöhe anhand der Schrift, konnte er mittels statistischer Auswertungen Aussagen über die Schwere oder Leichtigkeit (le poids) des Schriftbildes ermitteln. Als schweres Schriftbild ermittelte er demnach jenes Layout, welches einen Großteil der Manuskriptseite mit Buchstaben füllte in Abhängigkeit von der Zeilenhöhe der Schrift selbst.

Auf dieser Grundlage forschte auch Ezio Ornato von der Gruppe Quanticod in seinen Studien über Handschriften mit statistischen Vorgehensweisen über die Größenverhältnisse unterschiedlichster Manuskriptseiten. Er fragte sich, ob die Größe der zugeschnittenen oder gefalteten Manuskriptseite an eine Zeilenanzahl gebunden war und wenn ja, ob sich das in allen Epochen und für alle Schriften so verhielt (vgl. Ornato 1975: 198-234).

Um dies zu untersuchen, musste er sich von dem Vorgehen und den Auswahlkriterien der klassischen Kodikologie lösen. Hierbei nähert man sich normalerweise durch eine heuristisch-deduktive Methode Fragestellungen über Entstehung, Entwicklung und Verbreitung eines Schriftstückes an: Man sucht Stichproben im Umfeld des Manuskriptes, die inhaltliche, geometrische oder geographische Ähnlichkeiten zum Ausgangsobjekt besitzen und lokalisiert, ordnet und datiert diese, bis es möglich ist, in einem relational entworfenen System den Einfluss eines Exemplars auf das andere festzustellen. In diesem Fall greift diese heuristisch-deduktive Methode gut, zielt aber mit Thesen oder Fragestellungen zu Entstehung, Entwicklung und Verbreitung eines Schriftstückes und deren Beantwortung auf andere Intentionen ab, als die quantitative Kodikologie. Diese benötigt weder Datierung noch Ortung des Einzelnen, da sie darauf bedacht ist, Verfahren der Regelmäßigkeit oder auch der Unregelmäßigkeit aufzudecken (vgl. Bozzolo/ Ornato 1997: 8).

In der quantitativen Kodikologie stellt man sich also nicht die Frage nach dem Wo?, Wann? und  Wie?, sondern versucht das Warum? zu erklären. Beispielsweise untersuchte die Gruppe Quanticod die Verwendung auffälliger Seitengrößen von Manuskripten in allen Jahrhunderten, die sich durch ihr häufiges Auftreten hervorhoben. Dabei nahmen sie als Grundlage die Forschungen von Leon Gilissen, der eine Liste mit besonderen Seitengrößen aufstellte, beispielsweise solche, die sich in Proportion zum sogenannten Goldenen Schnitt befanden. Der Goldene Schnitt bezeichnet zunächst einmal das Teilungsverhältnis einer Strecke 1 zu 1,618. Bei der Beschneidung einer Manuskriptseite bedeutete dies, dass die lange Kante einer Seite 1,618 mal länger ist als die kurze Seite des Blattes. Die weitreichenden Vergleiche mit Manuskripten vom 8. bis 15. Jahrhundert zeigten, dass der Anteil solcher Seiten, die ein herausragendes und auffälliges Seitenverhältnis nach Gilissen aufwiesen, rund 80 % betrug. Daraus ließ sich schließen, dass die Beschneidung und Herstellung einer Seite nicht zufällig gewesen sein konnte, sondern von den Handwerkern bewusst gewählt und unabhängig von der geographischen Lage ein Kanon präziser Proportionen zur Blattbeschneidung existiert haben musste (vgl. Bozzolo/ Coq/ Muzerelle/ Ornato 1997a: 453). Warum, so fragte sich die Gruppe von Wissenschaftlern, bestand also die Tendenz einer Vereinheitlichung?

Die ideale Aufteilung einer Handschrift nach dem Goldenem Schnitt.

Eine Möglichkeit der Beantwortung solcher Fragen bietet eine Herangehensweise aus den Methoden der Soziologie: Das Beobachtungsfeld liegt folglich nicht auf dem einzelnen Kodex, sondern auf der Gesamtheit der Bücher, wie auch in der Soziologie nicht auf der einzelne Mensch, sondern auf eine Gesamtheit der Menschen im Fokus steht. Durch Beobachtungen können dort Ähnlichkeiten und Unterschiede im direkten Vergleich erkannt und Thesen widerlegt oder neu aufgestellt werden. Diese Parallelität zwischen Kodikologie und Soziologie ermöglicht es außerdem, ausgehend von den gemessen Ergebnissen auf äußere Umstände zu schließen (vgl. Bozzolo/ Ornato 1997: 9 f.): Ist die Handschrift ein Produkt einer sozialen Handlung und, wenn ja, in welchem Zusammenhang steht sie zu einem System? Ist diese aus technischen, ökonomischen, funktionalen, kulturellen, politischen oder kanonischen Zwängen entstanden? Und ist die Gestaltung einer Manuskriptseite von einem Auftraggeber abhängig?

In den darauf folgenden Untersuchungen zur Blattgröße wurden die oben genannten Faktoren offensichtlich. In Abhängigkeit zum Größenverhältnis legte die Gruppe Quanticod‹ das Augenmerk auf den Anteil des Schriftraumes, also jenen Anteil auf der Manuskriptseite, der mit Buchstaben gefüllt oder mit Malereien verziert war. Dieses Layout (mise en page), so fand die Gruppe ›Quanticod heraus, veränderte sich in Relation zu der Blattgröße des Manuskriptes, also jener Faktoren, die sie schon zuvor untersucht hatten. Seit der Verbreitung der karolingischen Manuskripte im 9. Jahrhundert, deren Blattform größtenteils quadratisch war, modifizierte sich langsam ein markanter Rahmen an den Seiten des Textblockes heraus. Zuvor waren nur an den Kopf- und Fußenden freie Räume verfügbar, nun auch an den Seiten des Blattes. Als dessen Folge streckte sich die Manuskriptseite dynamisch in die Länge: Der Anteil des Rahmens wuchs, zugleich erhöhte sich auch der Anteil der Schrift, aber in einem geringeren Maße als der Anteil des Rahmens (vgl. Bozzolo/ Coq/ Muzerelle/ Ornato 1997b: 478). Durch diese quantitative Untersuchung konnte eine allgemeine Tendenz für französische Vulgärtexte erstellt werden (Vulgärtexte meint hier schlichte Texte, die für die Allgemeinheit verfasst wurden und sich zu religiösen Texten und Urkunden abgrenzen lassen): Unabhängig von einspaltiger oder zweispaltiger Seitengestaltung sank der Anteil der Schrift auf einer Seite von ca. 60 % im 8. Jahrhundert auf ca. 45 % im 15. Jahrhundert bei immer wieder variierenden rechteckigen Seitengrößen. Gegen Ende des 100-jährigen Krieges tendierte die Schrift bei einspaltigen Vulgärtexten dazu, sogar nur 40 % der Seite einzunehmen (vgl. Bozzolo/ Coq/ Muzerelle/ Ornato 1997b: 493). Hier spielten also in der Entwicklung jene genannten ökonomischen, politischen und funktionalen Faktoren eine offenkundige Rolle.

Inkunabel mit Marginalien

Valerius Maximus des Peter Schöffers von 1471. CC0.

Früher Druck mit handschriftlichen Marginalien am rechten Seitenrand.

Die Tendenz, den Platz einer Seite nicht vollständig auszunutzen, nahmen die Forscher auch in der Inkunabelzeit, also dem Zeitraum der ersten 50 Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, wahr (vgl. Bozzolo/ Coq/ Muzerelle/ Ornato 1997b: 495). Doch warum wertvolles Papier oder Pergament verschwenden, wenn man den Platz auf einer Seite doch vollständig nutzen könnte? Die Antwort lag einerseits bei den Marginalien, welche zunehmend in den Manuskripten auftraten. Die Schreiber ließen nach und nach immer mehr Raum für diese Anmerkungen oder Nachtragungen zum eigentlichen Text, sodass ein dritter layouttechnischer Faktor für die quantitative Kodikologie entstand: Der Platzanteil für die Marginalien. Andererseits spielte es eine große Rolle, dass die Bevölkerungsschichten, welche Konsumenten von Vulgärtexten waren, sich zunehmend differenzierten. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts lag der Anteil der Schrift einer Seite von italienischen Manuskripten bei teilweise 30 %. Das zeigt, dass weniger die Lesbarkeit, sondern der ästhetische Faktor der Seitengestaltung eine größere Rolle spielte und so Rückschlüsse auf den ökonomischen und sozialen Faktor möglich waren (vgl. Bozzolo/ Coq/ Muzerelle/ Ornato 1997b: 479).

Obwohl die Forschung in der quantitativen Kodikologie seit Mitte der 90er Jahre zum Erliegen gekommen schien, erlebt sie nun im 21. Jahrhundert ein Revival. Mit dem erweiterten Potential computergestützter Analysen kann die quantitative Kodikologie von neuen Untersuchungsmöglichkeiten profitieren. Ein gewaltiger Vorteil bietet die zunehmende Digitalisierung von Kulturgütern und die Vernetzung der Digitalisate im World Wide Web, welche es ermöglicht, Messung eigenständig durchzuführen und nicht von numerischen Einträgen aus Katalogen abhängig zu sein, deren Messungen die Gefahr der Ungenauigkeit bargen. Weiterhin konnten Lücken in Beständen gefüllt und verstreute Sammlungen digital vereint werden (z.B. im Virtuellen Skriptorum St. Matthias), um ein noch breiteres und somit auch genaueres Untersuchungsfeld für die nun digitalen Kodikologen zur Verfügung zu stellen. Durch die neuen Möglichkeiten kann somit an die methodologischen Überlegungen und Thesen der 70er und 80er Jahre angeknüpft werden und eine Verbesserung der Forschungsergebnisse erzielt werden, sodass die Geschichte des Buches neu geschrieben werden kann.

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Bozzolo, Carla; Ornato, Ezio, Pour une codicologie «experimentale», in:  La face cachée du livre médiéval. L'histoire du livre vue par Ezio Ornato, ses amis et ses collègues, hrsg. v. Ornato, Ezio, Rom 1997, S. 3-31.

Bozzolo, Carla; Coq, Dominique; Muzerelle, Denis; Ornato, Ezio, L’artisan médiévale et la page. Peut-on déceler des procédés géométriques de mise en page?, in: La face cachée du livre médiéval. L'histoire du livre vue par Ezio Ornato, ses amis et ses collègues, hrsg. v. Ornato, Ezio, Rom 1997a, S. 447-456.

Bozzolo, Carla; Coq, Dominique; Muzerelle, Denis; Ornato, Ezio, Noir et blanc. Premiers résultats d’une enquête sur la mise en page dans le livre médiéval, in: La face cachée du livre médiéval. L'histoire du livre vue par Ezio Ornato, ses amis et ses collègues, hrsg. v. Ornato, Ezio, Rom 1997b, S. 473-508.

Gilissen, Léon, L’expertise des écritures médiévales. Recherche d´une méthode avec application à un manuscrit du XIe siècle: Le lectionaire de Lobbes, Codex Bruxellensis 18018, Gand 1973.

Muzerelle, Denis, Le progrès en codicologie, in: Rationalisierung der Buchherstellung im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Ergebnisse eines buchgeschichtlichen Seminars, Wolfenbüttel, 12.-14. November 1990, (elementadiplomata, 2), Marburg 1994, S. 33-40.

Ornato, Ezio, Statistique et paléographie: peut-on utiliser le rapport modulaire dans l’expertise des écritures médiévales? Scriptorium 29 (1975), S. 198-234

Ornato, Ezio; Bozzolo, Carla, Pour une histoire du livre manuscrit au moyen âge. Trois essais de codicologie quantitative, Paris 1980.