Raum 3

Unentschlüsselte historische Gegenstände kollaborative Forschung als Schlüssel

(Autor: Wolfgang Bruckner, 30.09.2015)

Dieser Raum beschäftigt sich mit den neuen Technologien, besonders mit virtuellen Forschungsumgebungen in den Geisteswissenschaften, und präsentiert Möglichkeiten derselben zur Entschlüsselung historischer Gegenstände. Als Beispiele dienen das Voynich-Manuskript und der Diskos von Phaistos. Dazu werden die beiden Gegenstände vorgestellt sowie bisherige Entschlüsselungsversuche mitsamt ihren Schwierigkeiten erläutert. Lassen sich die Zeichen der beiden Gegenstände überhaupt als Sprache bezeichnen? Mit welchen Methoden lässt sich das untersuchen? Lässt sich durch Untersuchung der Abbildungen und Symbole auf den Inhalt der Gegenstände schließen? Wie lässt sich die Provenienz untersuchen und das Alter bestimmen? Welche für die Entschlüsselung relevanten Erkenntnisse lassen sich daraus schließen? In Virtuellen Forschungsumgebungen kann solchen Fragestellungen kollaborativ und interdisziplinär nachgegangen werden.

 

 

 

Video über Möglichkeiten und Chancen von digitalen Geisteswissenschaften und Virtuellen Forschungsumgebungen

 

Die spezifischen Forschungsansätze und -fragen in den digitalen Geisteswissenschaften benötigen eigene Methoden und Arbeitsstrategien. Wie in technischen Disziplinen schon länger üblich, etablieren sich mehr und mehr ein gemeinschaftliches Arbeiten und digitale Publikationsformen. Gemeinschaftliches Arbeiten, auch kollaborative Forschung genannt, kann durch virtuelle Forschungsumgebungen unterstützt und begleitet werden: Vom Sammeln der Daten bis zur digitalen Publikation.

Wie kollaboratives Arbeiten funktioniert, lässt sich vereinfacht anhand von digitalen Annotationen bzw. social bookmarking erläutern. Dabei können interessante Textstellen, aber auch Musik oder Filme auf Internetseiten individuell markiert, hervorgehoben und mit Kommentaren und Links versehen werden. Der kollaborative Aspekt tritt ein, wenn man die bearbeiteten Internetseiten bookmarkt, d. h. ein Lesezeichen setzt, und zwar so, dass sie mit anderen Leuten geteilt werden können. Diese können dann ihrerseits Kommentare und Markierungen setzen, um zu einem gemeinsam erarbeiteten Ergebnis zu kommen. Ein Beispiel für ein entsprechendes Tool ist etwa Diigo.

In den Digital Humanities geht kollaboratives oft mit interdisziplinärem Arbeiten Hand in Hand: »Inter- and multidisciplinary research has become a ›must‹ to solve certain emerging new issues, giving rise to virtual research collaboration as well« (Hunyadi 2012: 103). Um fächerübergreifenden Forschungsfragen nachgehen zu können, setzten sich Projektteams in den Digital Humanities aus Geisteswissenschaftlern und Informationswissenschaftlern zusammen, die gemeinsam ein Projektziel erarbeiten. Es werden im besten Fall jedoch nicht einzelne, modulare, unabhängig entwickelte Ergebnisteile aus den verschiedenen Disziplinen zusammengeführt, sondern kollaborativ entwickelt. »Importantly, interdisciplinarity as a scientific approach to the study of complex issues has gained more and more importance, and technological advances, together with the need for interdisciplinary studies, have made it increasingly essential to do research in collaboration.« (Hunyadi 2012: 93). Die Zusammenarbeit von Forschern aus verschiedenen Disziplinen kann allerdings auch zu Spannungen und Missverständnissen führen, vor allem da sich Geisteswissenschaften und Informatik teilweise gravierend unterscheiden; Melissa Terras bezeichnet sie als »very different beasts« (Terras 2012: 224). Kommunikation ist daher weiterhin essentiell, damit alle Projektmitarbeiter die Projektentwicklungen nachvollziehen können und auch sich selbst verstanden fühlen (vgl. Terras 2012: 224).

 

Hunyadi, Laszlo, Collaboration in Virtual Space in Digital Humanities, in: Collaborative Research in the Digital Humanities. A Volume in Honour of Harold Short, on the Occasion of His 65th Birthday and His Retirement, September 2010, hrsg., v. Deegan, Marilyn; McCarty Willard, Farnham 2012, S. 93-104.

Terras, Melissa, Being the Other: Interdisciplinary Work in Computational Science and the Humanities, in: Collaborative Research in the Digital Humanities. A Volume in Honour of Harold Short, on the Occasion of His 65th Birthday and His Retirement, September 2010, hrsg., v. Deegan, Marilyn; McCarty Willard, Farnham 2012, S. 213-230.

Bradley, John, Towards a Richer Sense of Digital Annotation: Moving Beyond a »Media« Orientation of the Annotation of Digital Objects, in: DHQ, Volume 6, Nr. 2, online: http://digitalhumanities.org/dhq/vol/6/2/000121/000121.html [06.09.2015].

Close Reading und digital Annotations, online: https://fusionfinds.wordpress.com/2013/12/10/digital-annotation-tools-for-close-reading [03.08.2015].

Deegan, Marilyn; McCarty Willard (Hrsg.), Collaborative Research in the Digital Humanities. A volume in honour of Harold Short, on the occasion of his 65th birthday and his retirement, September 2010, Farnham 2012.

Dillon, Paula, My Reflections on Annotation, in: Sophia, online: http://www.sophia.org/tutorials/digital-annotation [09.07.2015].

Frommholz, Ingo, Digitale Annotationen, Universität Duisburg, Folien zur Vorlesung: Digitale Bibliotheken, WS 2005/2006, online: http://www.is.informatik.uni-duisburg.de/courses/dl_ws05/folien/DigitaleAnnotationen.pdf [09.07.2015].

Gold, Matthew K., The Digital Humanities Moment, in: Debates in the Digital Humanities, Minnesota 2012, online: http://dhdebates.gc.cuny.edu/debates [03.08.2015]).

Siemens, Lynne, It's a team if you use »reply all«: An Exploration of Research Teams in Digital Humanities Environments, in: Literary and Linguistic Computing 24.2 (2009), online: http://llc.oxfordjournals.org/content/early/2009/04/13/llc.fqp009.full [11.09.2015].