03 Edition

Edieren in verschiedenen Disziplinen

(Autor: Daniel Schneider, 06.02.2019)

Es gibt nicht den einen, richtigen Weg bei der Erstellung einer Edition. In zahlreichen konzeptionellen Fragen (Auswahl des Basistextes, Emendation, Art und Umfang von Anmerkungen etc.) gibt es im Allgemeinen mehrere legitime Optionen. Wie diese Fragen gewichtet sind und die Entscheidungen hierzu ausfallen, hängt stark vom fachlichen Hintergrund und Erkenntnisinteresse der Bearbeiter und Nutzer ab. Jedes Fach, das auf die Grundlagenarbeit der Edition zurückgreift, hat mit der Zeit eigene Lösungen und Standards entwickelt, um mit den von Text und Nutzer gestellten Anforderungen umzugehen.

Die Klassische Philologie gilt als eine der wissenschaftlichen Disziplinen, die schon früh editorisch tätig waren: Die Texte antiker Autoren wie Homer, Ovid oder Cicero sind häufig nur fragmentarisch, aber in zahlreichen, oft erheblich später entstandenen Abschriften erhalten. Um aus diesem schwierigen Puzzle ein möglichst vollständiges und verständliches Werk zu rekonstruieren, entwickelte man die textkritische Methode, die bis heute in den meisten Editionsschulen – wenn bisweilen auch abgewandelt – weiter wirkt.

Ähnlich verhält es sich mit der Philosophie, die ebenfalls viele ihrer einflussreichen Texte wie die des Aristoteles und Platon aus der späteren Überlieferung antiker Werke rekonstruieren musste. Hinzu kommt, dass viele philosophische Texte selbst Kommentare zu anderen Schriften darstellen und intensiv (aber für Uneingeweihte schwer nachvollziehbar) auf diese verweisen. Eine gute Edition philosophischer Texte muss also auch Einschübe und Zitate aus anderen Werken identifizieren und erläutern, um die komplexen Texte in ihrem jeweiligen Diskurskontext zu erschließen.

Wesentlich zum methodischen Fortschritt in der Frühzeit der Editionsphilologie haben auch die Theologien beigetragen. Das Interesse an der Suche nach den authentischen »Urtexten« heiliger Schriften, ihrer Entwicklung und Übersetzung schlug sich unter anderem in der Bibelausgabe des Erasmus von Rotterdam und der historisch-kritischen Bibelauslegung nieder. Ähnlich wie philosophische Werke stellen auch theologische Schriften meist starke intertextuelle Bezüge her. Das Auszeichnen von Zitaten aus heiligen Schriften oder Kommentaren fordert die Editorik an dieser Stelle besonders: Da der Kanon, aus dem solche Referenzen stammen können, den Nutzern in der Regel gut bekannt war, wurde oft auf weitere Anmerkungen verzichtet. Gerade Werke wie der Talmud zeigen einen elaborierten Umgang mit verwobenen Text- und Kommentarebenen und Querverweisen.

Den wohl prägendsten Einfluss auf die Editionswissenschaften übten Germanistik, Romanistik und Anglistik aus, welche die textkritische Methode in der Beschäftigung mit mittelalterlichen Texten adaptierten. Mit der Etablierung als universitäre Disziplinen seit dem 19. Jahrhundert gingen zahlreiche Debatten einher, die die Praxis der Textkritik immer wieder modifizierten und an neue Untersuchungsgegenstände und Fragestellungen anpassten. Neben den Ansprüchen der Altphilologen an die (Re-)Konstruktion eines Textes sind auch die derjenigen Sprach- und Literaturwissenschaftler zu berücksichtigen, die sich mit wesentlich jüngeren Quellen beschäftigen. Wo noch verschiedene Fassungen des Autors selbst erhalten sind, ist mitunter auch die Textgenese nachvollziehbar und kann interessante Einblicke in den Schaffensprozess bieten. Theaterstücke mit Spielanweisungen, Beschreibungen oder Zeichnungen von Kostümen und Bühnenbildern stellen eigene Anforderungen an die Editorik. Graphische Elemente oder sogar die Dokumentation von Aufführungen und Filmversionen bieten vielfach noch nicht ausgeschöpftes Potential, das durch digitale Editionen erstmals in großem Maße nutzbar wird. Ein schönes Beispiel hierfür bietet »Fräulein Else« multimedial:

Monasterium.net verbindet die geschichtswissenschaftliche Urkundenedition mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Edition.

Wie die Philologien war auch die Geschichtswissenschaft (zumindest in Kontinentaleuropa) während ihrer Etablierung als Disziplin maßgeblich von der Mediävistik beeinflusst; viele Editionen wurden stark durch die Traditionen historischer Hilfswissenschaften wie der Diplomatik (Urkundenlehre) und der Epigraphik (Inschriftenkunde) geprägt. Deshalb ist äußere Quellenkritik, also die Dokumentation von Beglaubigungszeichen, Urhebern, Empfängern bzw. Publikum, die Materialbeschreibung etc., noch immer von großer Bedeutung in geschichtswissenschaftlichen Editionen. Später lehnten sich geschichtswissenschaftliche Editionen zunehmend an die (alt-)philologische Editionspraxis an. Diese legen vor allem Wert auf Erhalt und Verbreitung des Textes, so stehen hierbei Erschließbarkeit, Lesbarkeit und inhaltliche Verständlichkeit für den Leser im Vordergrund.

 

In den Musikwissenschaften bildete sich parallel zur Editionspraxis anderer Disziplinen, eine eigene Editorik. Diese steht vor besonderen Herausforderungen, die sich aus dem untersuchten Material ergeben: Zum einen sind viele Bestandteile von Werken nicht schriftlich festgehalten und nur – wenn überhaupt – auf Tonträgern erhalten, was vor allem bei Improvisationen der Künstler Probleme aufwirft. Zum anderen sind musikwissenschaftliche Editionen wesentlich stärker intermedial ausgerichtet, denn je nach Aufführungsform sind neben mehreren Melodien und Texten auch Spielanweisungen und Graphiken (wie zum Beispiel das Bühnenbild einer Oper) einzubinden.

Theater und Musik als Gegenstand der Editorik zeigen, dass eine Edition nicht nur rein textbasiert sein muss. Die fortschreitende Digitalisierung erlaubt nun multimediale Aspekte abzudecken. Besonders deutlich wird dies in den Medienwissenschaften, wo sich ein Werk aus Sprache, Musik und bewegten Bildern zusammensetzen kann. Wie in der philologischen Edition diverse Textfassungen existieren, kann es bei Filmen neben unterschiedlichen Produktionen auch unterschiedliche Schnittfassungen geben. Ungenutzte Aufnahmen, veränderte Drehbücher und Ähnliches verkomplizieren solche multimedialen Editionen zusätzlich. Die schiere Materialmenge in Verbindung mit der Notwendigkeit von Text-, Bild-, Ton- und Filmformaten lassen diese Editionen nur im digitalen Format zu.

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