04 Edition

Arbeitsweise der Editionsphilologie

(Autoren: Simon Tretter, Daniel Schneider, 21.02.2019)

Darüber, wie ein edierter Text erstellt werden soll, herrscht keine Einigkeit. Die Textkonstitution ist eine entscheidende Frage, der sich jede Edition stellen muss. Über die Jahrhunderte hinweg wurden verschiedene Antworten erdacht, und unterschiedliche Traditionen sind entstanden.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren vor allem für antike Werke die sogenannten eklektischen Editionen maßgeblich: Hierbei wurde eine möglichst große Zahl von Textzeugnissen verglichen. Diese galten zunächst als gleichberechtigte Vorlagen, sodass im Einzelfall entschieden wurde, welcher Variante zu folgen war. In der Regel wurde die verbreitetste Variante gewählt oder – sofern als solche auszumachen – die älteste. Jedoch konnten auch interne Kriterien entscheidend bei der Auswahl sein, sodass manche Editoren knapper formulierten Passagen den Vorzug gaben (lectio brevior), während andere Herausgeber die schwierigere Lesart favorisierten (lectio difficilior).

Schon während der Etablierung der Germanistik als universitäre Disziplin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich zwei Lager in der Editionsphilologie: Auf der einen Seite vertraten Friedrich von der Hagen und Johann Büsching eine publikumsorientierte Editionspraxis. Diese setzte sich zum Ziel, eine für den Nutzer gut lesbare Version der überlieferten Texte zu erstellen, die vor allem künstlerischen und ästhetischen Ansprüchen genügen sollte. Auf der anderen Seite standen die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, Georg Friedrich Benecke und dessen Schüler Karl Lachmann, die eine rekonstruierende Methode favorisierten, die vor allem um eine authentische Textfassung bemüht war. Die rekonstruierende Methode wurde bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts von der deutschsprachigen Editionsphilologie bevorzugt und wird nach einem der populärsten Vertreter meist die Lachmannsche Methode genannt, während sie im englischen Sprachraum nach dem wichtigsten Hilfsmittel stemmatics benannt ist. Durch sie können die Faktoren analysiert werden, welche die Entstehung und Überlieferung eines Textes beeinflussten. Anhand dieser einflussreichen Methode wird im Folgenden der Arbeitsprozess des Edierens veranschaulicht.

Den Beginn jeder editorischen Arbeit bildet die Heuristik. Hier bezeichnet dies die Suche nach sämtlichen erhaltenen Handschriften oder Druckausgaben des zu edierenden Textes, die als primäre Textzeugen bezeichnet werden. Ebenso werden Fragmente und Übersetzungen sowie Zitate des zu edierenden Textes, die sich in den Schriften späterer Autoren finden, gesammelt; diese Überlieferungen werden allerdings wegen ihrer indirekten oder inkonsistenten Überlieferung als sekundäre Textzeugen gewertet. Eine große Vereinfachung der Suche nach allen Zeugen eines Textes bieten die digitalen Medien. Mussten die Bearbeiter noch vor Jahren mühsam jede Bibliothek und jedes Archiv selbst aufsuchen und nach Textzeugen durchstöbern, so wird die Suche heutzutage durch die Digitalisierung von Katalogmaterial und Beständen sowie dessen Online-Verfügbarkeit und -Durchsuchbarkeit wesentlich erleichtert. Ferner kann dank Fotografien und Scans die Transkription der Textzeugnisse nunmehr vom heimischen Schreibtisch aus vorgenommen werden. Dennoch ist es bei spezifischen Fragestellungen – wie zum Beispiel dem Erkennen von Wasserzeichen oder der Papiersorte sowie für das präzise Ausmessen des Dokuments – unerlässlich, das Originaldokument selbst in Augenschein zu nehmen.

Nach der Aufnahme des Bestandes überlieferter Textzeugen folgt die nächste Stufe: Bei der Kollationierung werden die gesammelten und transkribierten Textzeugen möglichst präzise (d. h. zeichen- oder wortweise) miteinander verglichen und Varianten dokumentiert. Die Varianten können beispielsweise Dopplungen, Verwechslungen, Kürzungen, Ergänzungen, Schreibfehler oder Auslassungen von Buchstaben, Wörtern oder ganzen Sätzen sein.

Bei der Stufe der Recensio werden die zuvor bestimmten Varianten insbesondere im Hinblick auf ihre Entstehungszeiträume und -umstände untersucht. Hierbei wird zumeist das Stemma erstellt: eine chronologisch gegliederte graphische Darstellung der Überlieferungsgeschichte aller verfügbaren Textzeugen und deren jeweiliger Zusammenhänge. So kann im Optimalfall ermittelt werden, welche Handschrift von einer anderen abgeschrieben wurde und welche Textfassung die älteste ist. Das Stemma vermerkt auch nicht erhaltene, aus den zuvor und danach entstandenen Textfassungen erschlossene Zwischenstufen.

Nach der chronologischen Sortierung und Bewertung erfolgt die Examinatio, die Überprüfung: Die Editoren entscheiden anhand sprachlicher, stilistischer und inhaltlicher Kriterien über die Qualität der verschiedenen Textfassungen. Hierbei wird oftmals davon ausgegangen, dass eine schwierigere Lesart die authentischere sei und ein als älter angesehener Text potentiell weniger Fehler (in Form der oben beschriebenen Varianten) aufweise. Die Anwendung dieser Prämissen gilt es jedoch in jedem Fall sorgfältig abzuwägen.

Anhand der gewonnenen Erkenntnisse wird der vorläufige Archetyp rekonstruiert – eine Annäherung an die unbekannte, als grundlegend für die weitere Überlieferung angesehene Urfassung des Textes. Diese Rekonstruktion ist jedoch keinesfalls als Originalfassung des Autors zu betrachten, sondern kann im Vergleich zu dieser immer noch fehlerhafte oder veränderte Stellen enthalten.

Diese gilt es in einem zweiten Schritt ausfindig zu machen und zu korrigieren. Durch Vergleich der im Stemma enthaltenen Textfassungen können als fehlerhaft zu erachtende Stellen im Archetyp durch Hinzufügungen oder Auslassungen verbessert (emendiert) werden. Diese Veränderungen werden jedoch nicht willkürlich vorgenommen, sondern von den Herausgebern stets durch stilistische und formale Kriterien begründet; ebenso werden die Entstehungsgeschichte und der historische Kontext der Textfassung berücksichtigt.

Nach der Emendatio ist die (Re-)Konstruktion einer kanonischen Textfassung – des Archetyps – abgeschlossen. Das Ergebnis dieses Arbeitsprozesses stellt eine Annäherung an den ursprünglichen, vom Autor verfassten Text dar, kann aber nicht als originalgetreue Wiedergabe desselben gelten; ebenso wenig erfolgt eine Deutung oder Auslegung. Um dem späteren Nutzer alle für die wissenschaftliche Beschäftigung notwendigen Werkzeuge an die Hand zu geben sowie das Vorgehen der Herausgeber nachvollziehen zu können, werden alle Änderungen, Erläuterungen oder abweichende Lesarten mithilfe von Anmerkungen dokumentiert.

Textkritische Methode nach Karl Lachmann

Textkritische Methode nach K. Lachmann (Simon Tretter, Trier Center for Digital Humanities, 2019, CC BY-NC 4.0).

Trotz dieser umfangreichen Maßnahmen kann mit der Lachmannschen Methode kein authentischer Text zweifelsfrei rekonstruiert werden. Diese Form der Textkritik übte großen Einfluss auf die kontinentaleuropäischen Editionswissenschaften aus, stellt aber nur eine von mehreren textkritischen Arbeitsweisen dar.

 

Eine andere Methode bildet das Leithandschriftenprinzip. Hierbei wird aus einem einzelnen Textzeugnis der Editionstext erstellt und nur sparsam durch Abgleich mit anderen Textfassungen emendiert. Die Unterschiede zu anderen Textfassungen werden in der Regel annotiert. Der Romanist Joseph Bédier bezweifelte die Funktionalität des stemmatischen Modells nach Lachmann. Er sprach sich dafür aus, im Falle mittelalterlicher Texte den Textzeugen als Grundlage zu nutzen, der den Willen des Autors am besten wiedergibt. Diesem besten Text sei weitestgehend zu folgen statt eine Version zu (re)konstruieren, deren Nähe zum verlorenen Urtext ungewiss bleiben muss (best-text method).

Ähnlich verfuhren die Bibliographen Ronald McKerrow, Walter W. Greg und Fredson Bowers, die ihre Editionen auch an bestimmten Textzeugen ausrichteten. Neben den Manuskripten eines Autors galten vor allem autorisierte (von offensichtlichen Druckfehlern bereinigte) Drucke bzw. die Druckvorlagen als bestgeeignete Editionsgrundlage. Diese sollten den Text präsentierten, wie der Autor ihn veröffentlicht sehen wollte. Nach McKerrow wird diese Methode meist als copy-text (Fließtext oder Vorlagetext) bezeichnet.

Eine gänzlich andere Herangehensweise haben die anglo-amerikanischen Geschichtswissenschaften hervorgebracht. Diese widmeten neuzeitlichen und noch im Original erhaltenen Quellen großes Interesse. Außerdem war ihr Begriff von Text stärker auf die einzelne Fassung denn auf den Autorwillen ausgerichtet, wodurch das einzelne, im Archiv erhaltene Dokument in den Mittelpunkt rückte. Abschriften gelten hierdurch nicht als fehlerbehaftete Überlieferungsträger, sondern als eigenständige Textdokumente. Deshalb steht beim für diese Quellen geläufigen documentary editing die Texttreue zum Dokument im Zentrum statt Ideen von Rekonstruktion, Autorwillen oder verbesserter Lesbarkeit.

Langmandel, Eva, Vom Archetypus zur Synopse: Edition früher und heute. Duisburg 2013.

Plachta, Bodo, Editionswissenschaft. Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte, 3., erg. und aktual. Aufl., Stuttgart 2013.

Roloff, Hans-Gert (Hg.), Geschichte der Editionsverfahren vom Altertum bis zur Gegenwart im Überblick. Ringvorlesung. (Berliner Beiträge zur Editionswissenschaft, Bd. 5). Berlin 2003.

Sahle, Patrick, Digitale Editionsformen. Zum Umgang mit der Überlieferung unter den Bedingungen des Medienwandels, Band 1: Das typografische Erbe, Norderstedt 2013.