Die Seitengestaltung im Mittelalter

Mehr als Texte und Bilder
Das Layout einer Handschriftenseite

(Autorin: Sabine Friedrich, 15.05.2016)

Der Gestaltungsprozess einer mittelalterlichen Handschriftenseite beinhaltete mehr als eine sinnvolle Aneinanderreihung von Worten, die gelegentlich mit Bildern geschmückt ist. Die ›typographischen‹ Mittel sind die einzelnen Elemente, mit denen eine Seite gestaltet und gegliedert wird. Im Folgenden soll die Struktur einer Handschriftenseite aufgezeigt werden.

Räumliche Anordnung

Die mittelalterlichen Handschriften haben die lateinische Schrifttradition zum Vorbild. Es liegen also bestimmte Techniken der Seitengestaltung bereits vor: Der Text ist innerhalb eines Rechtecks angeordnet, was jedoch nicht strukturell, sondern ästhetisch bedingt ist. Ein Text in Kreuz- oder Trichterform ist für den Leser weniger gefällig. Wenn nun ein Kommentar oder ein Stichwort in einem Rechteck neben den Haupttext gesetzt wird, entsteht ein räumliches Nebeneinander, zu dem die gesprochene Sprache nicht fähig wäre. Der Haupttext wird nicht unterbrochen, sondern pausiert nur, während man die Anmerkung liest. Die Anordnung in Rechtecken kann bei Versen jedoch durch die Länge der Verse unterbrochen werden. So lassen sich Handschriftenseiten mit eingerückten Zeilen finden. Um den Blocksatz zu wahren, füllten ornamentale oder figürliche Zeichen leere Zeilen oder Zeilenenden. Seit der karolingischen Zeit tritt vermehrt eine Mehrspaltigkeit in Handschriften auf. Denkt man an die sehr langen Zeilen in großformatigen Handschriften, war dies eine große Erleichterung für den Leser. Außerdem wurden einheitliche Kapiteleinteilungen und -zählungen eingeführt, auch in ältere Kodizes nachgetragen und auf deren Grundlage Inhaltsverzeichnisse erstellt.

Typische räumliche Anordnung einer Handschriftenseite

Seitenränder

Die Seitenränder sind fest gestaltet. Der Bundsteg (innen) ist am schmalsten, Kopf- und Schnittsteg (oben + außen) haben etwa die gleiche Breite. Fuß- oder Schwanzsteg sind am breitesten, sodass die Vermutung der Anlehnung an den goldenen Schnitt nahe liegt. Die erheblich größeren seitlichen und unteren Freilassungen dienten den Glossierungen, die vor allem in Kodizes zu finden sind, die oft genutzt und mit Kommentaren versehen wurden.

Optische Gliederung durch Schriften

Lange Zeit herrschte die scriptio continua vor, eine Majuskelschrift ohne Abstände. Sie wurde auf Pergament, das entweder durch Eindrückungen oder mit Tinte liniert war, geschrieben. Schriftarten variieren häufig bei Über- oder Unterschriften oder untergeordneten Texten wie Prologen, Kapitelverzeichnissen und Paralleltexten. Mit der karolingischen Minuskelschrift, die sich durch Ober- und Unterlängen auszeichnet, war ein großer Schritt in der optischen Gliederung getan. In karolingischer Zeit nutzten Schreiber vorwiegend fünf Schrifttypen zur Gestaltung: Die Capitalis quadrata, Capitalis rustica, Unziale, Halbunziale und die karolingische Minuskel, die sich nach und nach gebildet hatten. Die unterschiedliche Verwendung dieser Schriften oder auch unterschiedlicher Schriftgrößen halfen, Text und Kommentar oder auch Text und Übersetzung voneinander zu trennen. In der Gotik bildeten sich die sogenannten gebrochenen Schriften, die sich durch gebrochene Bögen eines Buchstabens auszeichnen.

Erkennbar unterschiedliche Schriften und Abstände

Optische Gliederung durch Initialen

Die Initiale entstand zunächst durch die Vergrößerung des Anfangsbuchstabens, erst pauschal am Seitenanfang, dann am Wortanfang. Die Herausbildung des Initialbuchstabens diente nicht nur der Verschönerung des Textes, sondern gab dem Leser eine klare optische Gliederung von Sinnabschnitten. Die Initiale wurde ausgerückt, vergrößert und durch Farbe und Ornamente verziert und ist am Anfang eines Sinnabschnittes zu finden.

Neben dem beginnenden Buchstaben gibt es auch Initial-Worte, Initial-Zeilen oder Initial-Seiten. Im 12. Jahrhundert veränderte sich die Gestaltung der Initiale: Sie wurde hierarchisch angepasst. Das heißt, Initialen am Buchbeginn wurden größer als die von einzelnen Kapiteln. Jene wiederum waren größer ausgeführt als die abschnittsgliedernden Initialen.

Weitere Funktionszeichen und Schriftauszeichnungen

Im 9. Jahrhundert verfeinerte sich das Interpunktionssystem: Der punctus, ein einfacher Punkt in mittlerer Zeilenhöhe, kennzeichnet eine mittlere Pause. Der punctus elevatus, bestehend aus einem umgedrehten Strichpunkt, beschreibt eine schwache Pause, eine starke Pause wird durch einen Strichpunkt eingesetzt (punctus versus). Das Vorlesen wurde dadurch erleichtert. Weitere erscheinende Zeichen waren das Akzent-Zeichen, Zitat-Zeichen, Paragraphenzeichen, Korrekturzeichen und Zeichen, die die Verbindung zwischen Haupttext und den Paralleltexten (z. B. Glossen) herstellen.

Das Unterstreichen von Textteilen wurde gerne genutzt, um auf die Andersartigkeit eines Textes hinzuweisen. Zu nennen ist beispielsweise das Unterstreichen von Bibelzitaten, um sie vom Kommentartext zu unterscheiden, aber auch zum Hervorheben von Namen oder zur Kennzeichnung von Überschriften. Farben heben Festtage oder andere Textteile heraus. In liturgischen Handschriften sind Handlungsanweisungen in Rot, die in der Liturgiefeier zu sprechenden Worte hingegen in Schwarz gehalten.

 

 

 

Illuminationen als graphische (Layout-) Elemente

Illuminationen sind keineswegs nur die textbezogenen Bebilderungen von Texten, sondern bezeichnen jegliche schmückenden Elemente einer Handschrift. Dazu gehören alle bildlichen Auszeichnungen des Textes und auch die Gestaltung der Seitenränder. Die Bebilderungen werden Miniaturen genannt und können in den Text integriert sein oder auch ein ganzes Blatt einnehmen. Diese Miniaturen heißen Streifenbilder. Registerbilder hingegen ergeben sich durch die Verbindung von mehreren horizontalen Bildstreifen (Register). Sie stellen oft Szenen eines Geschehens dar. Ranken als Teilornament von Initialen konnten bisweilen weit in den Seitenrand hineinlaufen. In gotischer Zeit bildeten sie Bordüren, die das gesamte Blatt verzieren. Randillustrationen mit figürlichen Darstellungen zum Text außerhalb der Schriftkolumne traten ebenso in Erscheinung wie auch autonome Randzeichnungen. Randminiaturen waren gerahmte, eine komplette Kolumne einnehmende Zeichnungen.

 

 

Frank, Barbara, Zur Entwicklung der graphischen Präsentation mittelalterlicher Texte, in: Schriftkultur und sprachlicher Wandel (OBST = Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 47), hrsg. von Erfurt, J., Gessinger, J., Osnabrück 1993, S. 60-81.

Gumbert, Johann Peter, Zur ‚Typographie‘ der geschriebenen Seite, in: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen, Akten des Internationalen Kolloquiums 17.-19. Mai 1989, hrsg. von Keller, H., Grubmüller, K, Staubach, N., München 1992, S. 283-292.

Jakobi-Mirwald, Christine, Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung, Stuttgart 2004.